Lichtfalle auf der Elbe: Schon Wissenschaft? Oder noch Kunst?

Fotos: (c) Helge Mundt

 

Versteckt hinter einer Flutmauer am Hafen von Hamburg-Veddel liegt das Atelier von Nana Petzet. Wenn die Künstlerin aus dem Fenster blickt, schaut sie auf einen kleinen Anleger und das graue Wasser. Der große Raum steht leer, ihre Installation ist zum Transport bereit. Wenn es am 16. und 17. Juni dunkel wird, steigt sie auf ein Schiff, die historische Barkasse Elsa und legt ab. Dann fährt ein großes, blau leuchtendes Achteck über die Elbe: eine riesige Lichtfalle. Mit Nana Petzet an Bord sind Wissenschaftler, die nachtaktive Insekten kartieren.

 

Was macht eine solch riesige Lichtfalle auf dem GEO-Tag der Natur?

Eine Lichtfalle ist ein Leuchtkörper, der Insekten anlockt. Biologen können sie dann einfangen und bestimmen, um welche Arten es sich handelt. Wir werden mit unserem Schiff und der Falle an Bord zwei Nächte lang das Hafengebiet durchkämmen und nachschauen, was da fliegt. Denn genau weiß das keiner.

 

Eine funktionierende Lichtfalle und gleichzeitig eine Kunstaktion. Wieso?

Es ist einerseits Forschung, weil ja Insektenforscher mit der Falle arbeiten. Zugleich ist es aber auch eine Inszenierung von Forschung: Wir machen sichtbar, wie Wissenschaftler arbeiten. Unsere Riesen-Falle ist auch ein Zeichen. Passanten werden es vom Ufer aus sehen.

 

Und wofür steht dieses Zeichen?

Dafür, dass wir Menschen Fallen aufstellen, wenn wir beleuchten. Jeder einzelne, wenn er seinen Garten wie verrückt mit LEDs erhellt, das Gleiche gilt für die Straßenbeleuchtung. Eigentlich ist die ganze Stadt eine überdimensionierte Lichtfalle. Mein Thema ist Lichtverschmutzung. Im Vergleich zu anderen Umweltproblemen wird die viel zu wenig beachtet. Aber wenn die Nacht ausstirbt, sterben auch nachtaktive Insekten.

 

Du bist Künstlerin, die Artenbestimmung ist jetzt nicht unbedingt dein angestammtes Metier. Darf man mit etwas spielen, das man nicht voll und ganz verstehen?

Die Wissenschaftler stellen sich die Frage, welche Insekten im Hafen fliegen. Ich stelle mir diese Frage auch, aber ich versuche, ihr eine künstlerische Form zu geben. Das ist eben die übergroße Lichtfalle. Ich möchte Bilder beim Betrachter entstehen lassen. Meine Formen sind dazu da, Gräben zwischen unterschiedlichen Wissensbereichen zu überwinden. Denn wir stehen ja vor einem Dilemma: Wenn ein Forscher seine Erkenntnis populärwissenschaftlich verpackt, muss er sie stark vereinfachen. Dann ist sie nicht mehr exakt. Argumentiert er dagegen im klassischen Sinn wissenschaftlich, versteht der Laie nichts mehr.

 

Wie reagieren Wissenschaftler darauf, dass eine Künstlerin in ihrem Fachgebiet unterwegs ist?

Es gibt Forscher, die das doof finden. Aber ich habe meistens große Unterstützung bekommen, vielleicht auch weil mir der jeweilige Forschungsgegenstand sehr am Herzen liegt. Wir werden mit der Lichtinstallation ja auch etwas entdecken. Die Ergebnisse werden auch für die Wissenschaft interessant sein. Genauso wie die Bilder, die bei der Aktion entstehen. Wissenschaftler sehen heute vermehrt die Notwendigkeit, mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren.

 

Interview: Marlene Brey / GEO

 

Mehr infos: www.lichtfallehamburg.de