Federnlesen: Vom Glück, Vögel zu beobachten

Was fliegt da? Wer singt dort im Busch? Die Fragen treiben Johanna Romberg um, seit sie mit sechs Jahren ihr erstes Vogelbuch geschenkt bekam.

 

Nun hat die GEO-Autorin zusammen mit dem Illustrator Florian Frick selbst eines geschrieben: Federnlesen: Vom Glück, Vögel zu beobachten, Lübbe Verlag. Romberg schreibt darin über ihre Leidenschaft für alles, was Federn hat, die Kunst, mit den Ohren zu beobachten, die Suche nach (fast) unsichtbaren Spechten und die Freude, Vögel und Natur jedes Jahr neu zu entdecken.

 

In diesem Interview mit Christiane Habermalz von den „Flugbegleitern“ (https://www.riffreporter.de/flugbegleiter-koralle/) sprechen die beiden Vogelfreundinnen über das Buch. 

 

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Frage: Es gibt Bücher, nach deren Lektüre man die Welt buchstäblich mit anderen Augen betrachtet. Dein Buch „Federnlesen“ gehört für mich auch dazu. Zum Beispiel schaue ich mir seitdem jede Blaumeise ganz genau an, um zu schauen, ob sie tatsächlich Franz-Josef Strauß ähnelt. Obwohl ich zugeben muss, dass ich von mir aus diesen fluffigen kleinen Vogel nicht unbedingt mit dem früheren bayerischen Ministerpräsidenten in Verbindung gebracht hätte.

 

Romberg: Ich vielleicht auch nicht, aber mein Vater. Er ist schuld daran, dass ich heute in jeder Blaumeise nur noch Franz Josef Strauß sehen kann. Es ist ja so, dass die Blaumeise im Verhältnis zur Kohlmeise relativ klein und gedrungen ist. Dann hat sie einen Stiernacken, also einen relativ kurzen Hals, und sie hat diesen schwarzen Strich, der quer über die Augen geht, der gibt ihr ein bisschen was Verkniffenes. Und wenn man das mit Franz Josef Strauß einmal im Kopf hat, dann sieht man das sofort und wird es nicht mehr los!

 

Frage: Und ähnelt die Kohlmeise dann Helmut Schmidt? Oder Herbert Wehner?

 

Romberg: Leider nicht! Das wäre noch besser. Aber diese Gedankenverbindungen sind ja wahnsinnig subjektiv. Ich bin sicher, es gibt da draußen Leute, die auch mit der Kohlmeise bestimmte Personen verbinden. Oder mit ganz anderen Vögeln. Ich zum Beispiel denke bei Graureihern immer an bestimmte hagere ältere Herren, die mit zusammengeklappten Regenschirmen schlecht gelaunt an Straßenbahnhaltestellen stehen.

 

Frage: In deinem Buch schreibst du außerdem immer von „Kolmsen und Blomsen“. Was ist das nun wieder?

 

Romberg: „Kolmsen“ und „Blomsen“ sind die Namen, die wir Kohlmeisen und Blaumeisen gegeben haben. Ich und meine Eltern, mit denen ich als Kind das Beobachten angefangen habe. Beide Vögel sind ja sehr häufig und die gehören zu denen, die einem immer wieder vor das Fernglas kommen, und zwar so oft, dass es auch manchmal lästig ist. Deswegen haben wir die Namen abgekürzt und dann gesagt: „Ach, nur wieder Kolmsen und Blomsen“. Das war aber durchaus liebevoll gemeint, wie ein Spitzname für alte Vertraute. Ich kenne das auch von erfahrenen Ornithologen, die Watvögel nur „Limis“ nennen, als Abkürzung für Limikolen, oder Flussregenpfeifer nur „Fluffis“.

 

Frage: Es bedeutete also keine Geringschätzung für die armen Kolmsen und Blomsen?

 

Romberg: Nein, durchaus nicht. Schon deswegen nicht, weil ich eine Schwäche für blaue Vögel habe. Blau ist ja in unserer Vogelwelt eine relativ seltene Farbe, und wenn sie vorkommt, dann nur als kleines Accessoire, etwa auf den Flügeln von Eichelhähern oder bei der Blaumeise eben. Und deswegen haben mich blaue Vögel immer unheimlich angezogen, als Inbegriff von selten und exotisch. In meinem Vogelbuch standen „die drei großen Blauen“ zusammen auf einer Tafel: Eisvogel, Blauracke und Bienenfresser. Ich habe sie immer voller Sehnsucht angeschaut, aber gesehen habe ich nie einen von ihnen. Die Blauracke war schon damals sehr selten, der Bienenfresser erst recht, und der Eisvogel hat sich mir über Jahre hinterhältig immer entzogen. Selbst wenn andere ihn entdeckten, guckte ich immer gerade in eine andere Richtung.

 

Frage: Wie lange hat es gedauert, bis du deinen ersten „Blauen“ gesehen hast?

 

Romberg: Sehr lange. Ich war mit meinen Eltern und meinen beiden Kindern im Urlaub in der Türkei, in einem Hotel, das mit seiner schönen Natur warb. Der Urlaub war insgesamt unerfreulich, weil meine Söhne noch sehr klein waren und meine Eltern nicht so gut in der Lage, auf sie aufzupassen, so dass ich keine Gelegenheit hatte, mal rauszugehen und zu beobachten. Zu allem Unglück hatte ein Sturm kurz vorher auch noch die meisten Vögel, die da normalerweise waren, verweht. In einer der wenigen Mittagspausen, in denen meine Eltern es fertig brachten, auf meine Kinder aufzupassen, sah ich dann auf einmal etwas Türkisblaues fliegen: Es war tatsächlich eine wunderschöne Blauracke! Und während ich sie völlig verzaubert durch mein Fernglas betrachtete, passierte das Unfassbare und es setzte sich noch ein Bienenfresser dazu. Auf einer schnöden Telegrafenleitung. Ich konnte wirklich mein Glück kaum fassen! Gleich zwei blaue Vögel auf einmal! Ich fühlte mich, als hätte ich eine Marienerscheinung gehabt.

 

Frage: Dein Buch trägt ja den Untertitel „Vom Glück, Vögel zu beobachten“. Es gibt sicher viele Menschen, die mit dem Begriff Glück etwas ganz anderes verbinden würden als ausgerechnet Vögel zu beobachten. Ist es das, was du damit verbindest? Nach langer Suche endlich seltene Vögel sehen zu dürfen?

 

Romberg: Es sind ganz viele Dinge, die da zusammenkommen. Es ist zum Beispiel das Glück des Wiedererkennens. Es ist das Glück einen Vogel zu sehen, und zu sagen: Ha, dich kenne ich! Schön, dass du da bist. Es ist das Glück, etwas zu entdecken, was man noch nicht kannte, oder wonach man sich lange gesehnt hat, wie bei der Blauracke. Oder eine Art wiederzuentdecken, die man schon lange vermisst hat. Und es ist auch das Glück, beim Anblick eines Vogels sich einen Moment lang selbst zu vergessen, und all das, was einem sonst noch durch den Kopf geht. Wenn man Vögel beobachtet, dann richtet man ja zumindest für einen Moment alle Sinne nach außen und blendet alles andere aus. Das sind für mich immer wieder kleine, kurze Glücksmomente. Und das sind Erlebnisse, nach denen man auf die Dauer richtig süchtig wird.

 

Frage: Bei Vögeln ist es ja wie mit vielen anderen Dingen auch: Für viele existieren sie schlichtweg gar nicht, weil sie nie gelernt haben, auf sie zu achten. Kann man denn das Thema Vögel jemandem nahebringen, der damit noch nie zu tun hatte?

 

Romberg: Es fällt mir schwer, das beantworten – weil ich schon so lange Vögel beobachte, dass ich gar nicht mehr weiß, wie es ist, sie nicht wahrzunehmen. Es ist, als sollte ich mir die Landschaft um mich herum in schwarzweiß vorstellen. Wenn man die Vögel einmal entdeckt hat, oder auch einen anderen Teil der Natur, wenn man mal gelernt hat, Arten zu unterscheiden, dann erlebt man so unendlich viel mehr; und die „Antennen“, die man dafür entwickelt, lassen sich auch nie wieder abschalten. Genau deshalb finde ich es schwierig, das Beobachten Leuten nahezubringen, die gar keinen Blick für sie haben. Auch bei meinen eigenen Kindern ist mir das nicht gelungen. Ich denke, die beste Methode, die Vogelwelt zu entdecken, ist, sich selber auf den Weg zu machen.

Wenn man draußen ist, sich einfach mal hinsetzt und horcht und guckt, was da zu sehen ist. Erstaunlicherweise haben mir das auch die meisten erfahrenen Birder erzählt: Ich hab mir das selber beigebracht. Ich war irgendwie draußen, dann habe ich diesen Vogel gesehen, und wollte mal wissen, was das für einer war. Manchmal ist es auch ein Schlüsselerlebnis: Dass einem ein Vogel vor die Nase fliegt, der ganz gelb ist, und man guckt zuhause nach und stellt fest: Eine Goldammer! Und manchmal ist es dieser eine Schlüsselvogel, der dann die Neugier auf alle anderen auslöst.

 

Frage: Für dich selber war das Vogelbeobachten, wie ich gelesen habe, zunächst vor allem ein Akt des Widerstands!

 

Romberg: Ja, ich war das einzige Kind von extrem wanderwütigen Eltern. Und ich hasste Wandern! Also habe ich angefangen, mich für Vögel zu interessieren, damit es nicht ganz so langweilig war. Und meine Eltern haben sich dann auch davon anstecken lassen. Wichtig war aber für mich, dass ich darin immer besser war als sie! Sonst hätte ich es wahrscheinlich bald wieder aufgegeben.

 

Frage: Kann jeder das Vogelbeobachten lernen, oder muss man wie du schon als Kind damit angefangen haben?

 

Romberg: Nein, auf keinen Fall! Ich kenne einige Leute, die erst spät, als Erwachsene damit angefangen haben. Meine Eltern sind das beste Beispiel! Die waren über 40 und hatten wirklich vorher gar keine Ahnung davon – und wurden ziemlich gut; sie hatten hinterher alle Arten und auch alle Stimmen drauf. Ich habe auch jemanden getroffen, der sich das alles innerhalb von zwei, drei Jahren so gut angeeignet hat, dass er jetzt in der Beobachter-Community als einer der profiliertesten Vogelexperten gilt.

 

Frage: Ich weiß nicht wie es bei dir war, aber in meiner Kindheit und Jugend lag das Vogelbeobachten als Hobby auf der Erotikskala irgendwo zwischen Briefmarkensammeln und Modelleisenbahnbauen. Glaubst du, dass das heutzutage anders ist? Immerhin gibt es jetzt Vogelstimmenapps und Online-Netzwerke, wo man seine Beobachtungen eintragen und liken lassen kann. Könnte das noch mal zu einem hippen Trend werden?

 

Romberg: So richtig hip wird es vielleicht schon allein deswegen nicht, weil man dafür keine ausgefuchsten technischen Gerätschaften oder eine schicke Ausrüstung braucht. Aber die sozialen Medien verändern natürlich schon einiges, weil man seine Beobachtungen heute leichter teilen kann. Und vielleicht hat auch dazu beigetragen, das Vögel beobachten heute „Birding“ genannt wird. Das klingt dann gleich viel trendiger. Rollschuhfahren wurde auch erst hip, nachdem es „Inline Skaten“ hieß.

 

Frage: Du beschreibst in deinem Buch viele beeindruckende Begegnungen mit Menschen, die sich für Vögel einsetzen. Darunter war eine Frau, die es dir besonders angetan hat. Es ist die Tierärztin Christiane Haupt, die in Frankfurt eine Klinik nur für Mauersegler betreibt. Du hast sie selber gar nicht kennengelernt, als du die Klinik besucht hast, trotzdem hat sie bleibenden Eindruck bei dir hinterlassen, warum?

 

Romberg: Mich hat an ihr diese absolut kompromisslose Art fasziniert, mit der sie tut, was nötig ist. Sie hat irgendwann vor sehr langer Zeit entdeckt, dass Mauersegler, wenn sie aus dem Nest fallen oder verletzt auf dem Boden landen, kaum eine Überlebenschance haben, selbst wenn sie von Menschen aufgenommen und gepflegt werden. Und hat über Versuch und Irrtum rausgekriegt, was geschehen muss, damit diese Vögel wieder in die Luft kommen. Ein irrsinniger Aufwand! Zerstörtes Gefieder wird über Federtransplantationen ersetzt – Filigranarbeit mit Pinzette und Sekundenkleber. Mauersegler müssen mit Feldgrillen und Wachsmottenlarven gefüttert werden, per Pinzette, und sie brauchen wochenlanges Flugtraining, bevor sie freigelassen werden können – in gepolsterten Trainingsräumen, damit sie sich dabei nicht verletzen. Christiane Haupt hat jeden Monat Dutzende von Patienten zu versorgen, und sie macht das als Fulltime-Job, mit wenigen freiwilligen Helfern, finanziert nur über Spendengelder. Fulltime ist gar kein Ausdruck! Zu Hochzeiten, erzählte mir ihre Helferin, schläft sie zwei bis drei Stunden am Tag.

 

Frage: Ein Fall, der auch unweigerlich zu der Frage führt: Lohnt sich der Aufwand, um eine einzige Vogelart zu schützen, die noch nicht einmal selten ist?

 

Romberg: Ich habe ihrer Helferin diese Frage natürlich auch gestellt. Sie sagte: Wenn Sie einen Vogel finden, der abgestürzt ist, was machen Sie dann? Entweder Sie lassen ihn liegen, dann stirbt er, oder Sie kümmern sich um ihn. Aber dann müssen sie es richtig tun. Und natürlich stürzen auch so viele Mauersegler durch menschliches Zutun ab: Weil wir Altbauten abreißen und die Fassaden energietechnisch sanieren und ihnen dadurch die Nistmöglichkeiten nehmen, weil sie durch das Schwinden der Insekten Schwierigkeiten haben, ihre Brut durchzubringen, vor allem in kühlen und verregneten Sommern. Insofern denke ich, wir haben auch eine Verpflichtung, ihnen wenigstens ein bisschen zu helfen, wo wir ihnen das Leben sowieso schon so schwer machen.

 

Frage: In deinem Buch schwingt immer wieder auch Melancholie mit – über verlorene Zeiten, in denen es noch ein Vielfaches mehr an Vögeln gab als heute. Ein pessimistisches Buch ist es dennoch nicht geworden. Warum nicht? Worauf beruht am Ende der Optimismus, mit dem du das Buch schließt?

 

Romberg: Das hat vielleicht auch mit dem Glück des Beobachtens zu tun. Über der Freude, die Vögel in diesem Moment zu sehen, vergisst man auch ein bisschen die Sorge um sie. Das habe ich auch an vielen erfahrenen Vogelkundlern erlebt. Dabei gäbe es weiß Gott genug Anlass zum Fatalismus. Es gibt ja kaum einen Birder, der seit 20 Jahren oder länger Vögel beobachtet, der nicht Anlass hätte, verbittert zu sein und traurig über die vielen Vögel, die es nicht mehr gibt. Und über den Kampf gegen die Ursachen des Biodiversitätsverlustes, den wir ja nicht erst seit gestern führen und der so wahnsinnig mühsam und oft erfolglos ist.

 

Aber ich war immer wieder beeindruckt, wie diese Leute sich begeistern für die Vögel, die sie in diesem Moment erleben und die sie versuchen zu schützen. Das ist dieser Thrill, der alles andere aufwiegt. Und es gibt auch positive Signale. Manche Vogelarten wie die Kraniche, Greifvögel oder Bienenfresser haben wieder zugenommen – weil die Jagd verboten wurde, weil bestimmte Umweltgifte wie DDT verboten wurden, weil einzelne Naturschutzmaßnahmen Erfolg hatten. Manchmal sind es kleine Zufälle, die einen Rückgang umkehren – wie etwa, dass sich Mönchgrasmücken plötzlich entschließen, in England zu überwintern. Dadurch überstehen sie in viel höherem Maße den Winter und nehmen deswegen auch bei uns wieder zu.

 

Ich möchte jedenfalls nicht resignieren – und es war für mich ein ganz wichtiges Erlebnis, bei der Recherche zu meinem Buch auf so viele Menschen zu treffen, die das auch nicht tun. Und das hält bei mir Hoffnung wach, dass noch nicht alles zu spät ist.